Interview mit Julian

 

Übersetzt aus dem Englischen
Wayne Muller für das Internationale Kammermusikfestival in Stellenbosch
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1. Was war die erste, bedeutende musikalische Erfahrung, die Sie dazu gebracht hat, eine Karriere als professioneller Cellist einzuschlagen?
 
Als ich sechs Jahre alt war, durfte ich bei einer Probe von Mstislav Rostropovich von einem Dvorak Konzert zuhören. Ich war beeindruckt, wie er einige Takte eines Flötensolos auf dem Cello nachahmte. Ich hörte tatsächlich eine Flöte und kein Cello! Und ich dachte mir, „wie unglaublich, was auf diesem Instrument alles möglich ist!“ Damals fing ich an, mich für verschiedene Klangfarben in der Musik zu interessieren.
Was außerdem einen großen, wenn nicht sogar den größten Einfluss auf meine frühe Liebe zur klassischen Musik hatte, ist die Tatsache, dass fast meine gesamte Familie aus Musikern besteht – aus Leidenschaft oder Profession oder beidem zusammen. Schon in sehr jungen Jahren hörte ich regelmäßig meine Großmutter auf der Orgel in der Kirche spielen. Ich kann mich immer noch sehr genau an den tiefen, musikalischen Geist ihres Spiels und ihren anmutigen Klang erinnern. Kurze Zeit später hörte ich einen meiner Onkel eine Bach Suite auf dem Cello spielen. Das war der Moment, in dem ich mich endgültig in das Instrument verliebte. Ich glaube, mit acht Jahren war ich mir sicher, dass ich Cellist werden wollte.
 
2. Sie haben schon sehr früh in Ihrer Karriere verschiedene Wettbewerbe gewonnen. Welchen Einfluss hatte das auf den weiteren Weg Ihrer Karriere?
 
Ich glaube, es ist sehr wichtig, nicht zu früh mit Wettbewerben zu beginnen. Als Kind sollte man einfach nur Freude am Musizieren haben. Wenn man diese Freude als Kind erleben kann, hält sie für immer. Ich hatte eine großartige Kindheit. Ich spielte im Wald, töpferte, malte...und machte sehr viel Musik! Ich war noch jung als ich anfing Kammermusik und auch vierhändig Klavier zu spielen. Ich kann mich noch erinnern, wie glücklich ich war, als ich mit anderen Musikern zusammen spielen durfte, wie sehr es mich ausfüllte, in dieser vertrauten Weise zu kommunizieren. Dieses Gefühl ist bis heute geblieben. 
Mit fünfzehn Jahren gewann ich meinen ersten größeren, nationalen Wettbewerb 'Jugend musiziert'. Dieser Preis führte dazu, dass ich mehrere Stipendien und ein wundervolles Cello als Leihgabe einer Stiftung erhielt. Außerdem bekam ich die Möglichkeit Konzerte mit Orchestern zusammen zu spielen. Natürlich half mir das ungemein und ich sammelte während der Konzerte zusammen mit anderen Musikern Erfahrung auf der Bühne. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass meine Eltern nicht so ehrgeizig waren wie viele andere. Denn das kann einem die Freude am Musizieren nehmen, denke ich.
 
3. Auf welchen Preis, den Sie bei einem Wettbewerb gewonnen haben, sind Sie besonders stolz? Warum?
 
Seit 1997 spiele ich zusammen mit dem Pianisten Caspar Frantz zusammen als Duo. 2006 gewannen wir drei Wettbewerbe. Wir waren nicht unbedingt stolz aber sehr glücklich darüber, den ersten Preis in Florenz beim internationalen Kammermusik Wettbewerb „Vittorio Gui“ zu erspielen. Es spielten dort auch viele Trios und Quartette, aber wir konnten die Jury vielleicht mit unserer vertrauten Art gemeinsam zu atmen, mit unseren Interpretationen und der besonderen Kommunikation unserer beider Instrumente überzeugen. 
 
4. Gibt es bis zum jetzigen Zeitpunkt Ihrer Karriere einen Höhepunkt, der eine besonders große Bedeutung für Sie als Künstler hat? 
 
Natürlich ist es großartig und kann sehr erfüllend sein, als Solist in Konzerthallen wie dem Rudolfinum in Prag oder der Berliner Philharmonie zu spielen. Trotzdem, viel wichtiger für mich waren die Begegnungen mit Menschen wie Boris Pergamenschikow, der mich nicht zuletzt dadurch prägte, dass er meine Wahrnehmung für andere Kunstformen schärfte und diese bei der Erarbeitung von Musikstücken förderte. Es war ein großes Glück, bei ihm für einige Jahre studieren zu dürfen. Oder György Kurtág. Kammermusik mit ihm zu arbeiten, genauso wie an seinen eigenen Werken, hat mich verändert und sehr tief geprägt. 
 
5. Sie haben zwei Alben aufgenommen mit Werken für Cello und Klavier. Was hat Sie in der Auswahl der Stücke beeinflusst?
 
Eigentlich habe ich letztes Jahr bereits die dritte CD mit Werken von Bach und Kurtág zusammen mit meinem Pianisten Caspar Frantz aufgenommen. Der Titel ist „Time isn`t passing“. Wir wollten zeigen, wie eng verwandt Kurtágs Musik mit der von Bach ist, in diesem Sinne vergeht die Zeit eben nicht. Ein bestimmter Moment kann ein ganzer Kosmos sein, sowohl in der musikalischen Sprache als auch im Ausdruck. Es ist so, als wäre der Moment schon Ewigkeit. Auf unserem ersten Album haben wir verschiedene Werke ausgewählt. Auf der einen Seite hatten wir zwei romantische, sehr poetische Stücke wie etwa die Fantasiestücke von Schumann und die Sonate von Chopin, und auf der anderen Seite stand die fantastische, farbenreiche Märchenwelt von Janácek und der Debussy Sonate. Im Jahr 2009, dem Jahr des 200. Geburtstags von Felix Mendelssohn, haben wir unser zweites Album mit all seinen Werken für Cello und Klavier aufgenommen. Ich liebe seine musikalische Sprache, seine Poesie und seine Emotionalität, die in ihrer Form fast klassisch ist. 
 
 
Sie nehmen an dem 10x10 Stipendium Programm des Festivals teil, indem Sie einen Schüler aus Südafrika zehn Tage lang begleiten. Was hat Sie an diesem Programm gereizt? 
 
Ich glaube, dass das eine ganz wunderbare Idee ist und es macht mich glücklich, dass ich jemandem vom anderen Ende der Welt die Möglichkeit geben kann, Erfahrungen zu sammeln, die er oder sie ansonsten niemals hätte erfahren können. Außerdem bin ich sehr dankbar auch aus dem Grund, weil es natürlich ein Lernen und Erfahren für beide Seiten sein wird. 
 
Was darf ein Student, der 10 Tage lang mit Ihnen arbeiten wird, erwarten?
 
Ich würde mir wünschen, unsere Welten würden sich spontan treffen und infolgedessen könnte sich unsere Begegnung zu einem inspirierenden und persönlichen gemeinsamen Weg entwickeln. Es ist sehr wichtig, dass junge Studenten ältere, erfahrenere Musiker treffen, die offen sind und ihnen einen möglichen Weg dieses verrückten aber meistens wundervollen Lebens als Musiker zeigen können, ohne dabei der typische „Lehrer“ zu sein, der alles weiß. Wenn es tatsächlich irgendetwas zu erwarten gibt: Vielleicht ein Gefühl für meine musikalische Richtung zu bekommen, für meine Passion für das Spielen, für das Unterrichten und die Freude ein Musiker zu sein. Und dabei vielleicht auch zu erkennen, dass ich daneben auch andere leidenschaftliche Interessen habe: meine Familie, die bildende Kunst, Literatur, Filme, Essen und die Natur! 
 
 
10 Dinge (Vervollständige die Sätze)
 
Wahres Glück ist... Natur, Musik und verwandte Seelen…alles auf einmal.
Meine größte Angst ist es... von meinen großen Lieben Johanna und unseren Söhnen Juri und Béla getrennt zu sein.
Ich mag überhaupt nicht... Unhöflichkeit.
Die Leute sagen mir häufig...., dass ich ein sonniges Gemüt habe.
Wenn ich Flügel hätte, würde ich... mit Vögeln und Engeln fliegen wie bei Chagall.
Man findet mich niemals... bei einem Autorennen.
Jeden Tag... esse ich Obst.
Ich würde niemals...anfangen zu rauchen.
Wenn ich nicht musiziere, ...werde ich entweder nervös, reise mit meiner Frau umher oder ich fotografiere oder sammle wundersame Gegenstände am Meer, im Wald oder in der Stadt während meiner Reisen.
Ich esse besonders gerne… Jakobsmuscheln oder Austern.